Welche Chancen die schwedische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie den Akteuren aus Baden-Württemberg bietet

Die sicherheitspolitische Landschaft Europas befindet sich im Wandel wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Neue Bedrohungen und geopolitische Spannungen haben ein tiefgreifendes Umdenken in der Verteidigungspolitik ausgelöst – mit Folgen, die weit über nationale Grenzen hinausreichen. Immer mehr EU-Staaten planen, ihre Verteidigungs- und Rüstungsausgaben in den kommenden Jahren zu steigern, darunter auch Schweden. Vom 14. bis 16. Oktober 2025 besuchten wir das Königreich mit einer rund 20-köpfigen Delegation, um Einblicke in den dortigen Umgang mit der Industrie zu gewinnen und Geschäftspotenziale auszuloten.

Schweden rüstet auf

Es ist kein Zufall, dass Schweden seine Verteidigungsausgaben in den kommenden zehn Jahren um umgerechnet knapp 28 Milliarden Euro erhöhen will. Seit der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 sind die Investitionen gestiegen. Zwei Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 ist Schweden 2024 nach zwei Jahren Wartezeit der NATO beigetreten und gab damit seine Neutralität auf. Gut für das Bündnis, denn die schwedische Verteidigungsindustrie gehört zu den größten und fortschrittlichsten Europas.

Schweden plant, seine Verteidigungsausgaben bis 2030 von derzeit 2,4 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Vor dem Hintergrund einer vergleichsweise kleinen Bevölkerung von rund zehn Millionen Menschen stellt dies einen signifikanten Anstieg dar. Die geplante Aufstockung zeigt, dass Schweden entschlossen ist, erhebliche Ressourcen in die Verteidigung zu investieren, um auf die zunehmenden sicherheitspolitischen Anforderungen zu reagieren.

Während unserer Besuche bei schwedischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen zeigten sich diese selbstbewusst und mit einer entschlossenen Haltung: Schweden werde sich verteidigen und sorge nicht nur dafür, dass das Militär vorbereitet ist, sondern auch die Zivilbevölkerung. Das in Schweden verankerte Konzept der „Totalen Verteidigung“ setzt auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Zivilbevölkerung und Regierung, um die Verteidigung des Landes gemeinsam zu gewährleisten.

Schwedische Unternehmen wie Saab profitieren von einer wachsenden Auftragslage. Der Rüstungskonzern, der unter anderem das Kampfflugzeug Gripen produziert, hat kürzlich seine Umsatzprognose angehoben. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie Schwedens konnte 2024 ihren Umsatz um 55 Prozent auf knapp 9 Milliarden Euro steigern, die Zahl der Beschäftigen stieg von 22.250 im Jahr 2024 auf 28.416, der Export wuchs um 26 Prozent. Diese Zahlen unterstreichen die dynamische Entwicklung und die zunehmende Bedeutung dieses Sektors für Wirtschaft und nationale Sicherheit.

Wie ist die Lage in Baden-Württemberg?

Auch der deutsche Südwesten profitiert vom Aufschwung der Rüstungsindustrie; einige baden-württembergische Unternehmen wie Diehl Defence und Heckler & Koch sind bereits länger Player in der Branche, andere öffnen sich der Branche. Viele Unternehmen zeigen erhöhtes Interesse daran, in die Rüstungsindustrie einzusteigen oder mit ihr zusammenzuarbeiten, nicht zuletzt, weil die hiesige Automobilbranche schwächelt. Die Rüstungsindustrie bietet den Unternehmen neue Geschäftsfelder und könnte damit eine Alternative für u.a. Zulieferer sein.

Einfach ist der Einstieg in die Rüstungsindustrie nicht. Wer in diesem Bereich tätig werden will, muss sich zunächst organisatorisch und strategisch entsprechend aufstellen. Und dann gilt es genau zu prüfen, in welchem Umfang eine Beteiligung sinnvoll ist, welche Produkte geliefert werden sollen, an wen und unter welchen Bedingungen. TRUMPF etwa will seine Lasertechnologien ausschließlich für defensive Systeme bereitstellen, die nicht gegen Menschen gerichtet sind. Moralische und ethische Überlegungen spielen hier eine zentrale Rolle.

Ein Teilnehmer der Delegation betonte die schwedische Einstellung gegenüber der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie als besonders:

Bedingt durch seine geografische Lage geht Schweden mit einer ganz anderen Haltung an die Branche ran. Deutschland setzt eher auf Diplomatie, Zusammenarbeit und Absprachen mit anderen Ländern, auch aus historisch geprägter Vorsicht, wohingegen Schweden großen Wert auf Eigenständigkeit und Handlungsfähigkeit legt.

Teilnehmender der Delegationsreise

Chancen für baden-württembergische Unternehmen und Forschungseinrichtungen

Die schwedische Regierung hat im Juni 2025 ihre Strategie zur Verteidigungsindustrie veröffentlicht. Sie verfolgt das Ziel, Schwedens Verteidigungsindustrie mithilfe eines starken Fokus auf Eigenständigkeit, Technologieentwicklung und internationale Zusammenarbeit innovativer, widerstandsfähiger und international wettbewerbsfähiger zu machen. Was Kooperationen mit anderen Ländern betrifft, will Schweden die Beziehungen zu Partnerstaaten ausbauen – insbesondere solche, die Unterstützung für die Ukraine anbieten – und internationale Kooperationschancen nutzen.

Baden-Württemberg zählt zu den führenden Forschungs- und Wirtschaftsstandorten Europas. Insbesondere in den Bereichen Maschinenbau, IT-Sicherheit, Sensorik, Robotik, Mobilität, Fertigung und Automatisierung verfügt das Land über herausragende Kompetenzen, aus denen sich vielfältige Kooperations- und Innovationspotenziale ableiten lassen.

Kooperationen entstehen aber nicht von heute auf morgen. Besonders in der sensiblen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, das hat sich mehrfach während unserer Unternehmensbesuche gezeigt, spielen Vertrauen und Geduld eine entscheidende Rolle, und beides lässt sich nur mit der Zeit aufbauen. Während der Reise haben wir uns mit der Swedish Security & Defence Industry Association (SOFF) über Chancen und Herausforderungen einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen baden-württembergischen und schwedischen Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ausgetauscht. SOFF-Generalsekretär Robert Limmergård reagierte auf die Frage nach dem besten Weg zu einer erfolgreichen Kooperation mit den Worten: „This game never moves fast.“

Wer mit schwedischen Unternehmen oder Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten möchte, sollte deshalb auf ein starkes Netzwerk setzen und frühzeitig den direkten Austausch mit potenziellen Partnern suchen, am besten persönlich vor Ort.

Marian Kern

Internationalisierung

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