US-Zollpolitik: Transatlantische Geschäftsbeziehungen auf dem Prüfstand

Als größte Volkswirtschaft der Welt sind die USA der wichtigste Handelspartner Baden-Württembergs und stellen einen attraktiven Markt mit vielfältigen Geschäftsmöglichkeiten dar. Wir haben mit Prof. Dr. Gerlinde Groitl über die aktuellen Entwicklungen gesprochen. Sie ist USA- und Sicherheitsexpertin und lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Regensburg. Derzeit baut sie ein Forschungs- und Beratungsunternehmen für geopolitische und strategische Fragen auf.

BW_i: Frau Prof. Groitl, welche Auswirkungen haben aktuelle wirtschaftspolitische Entscheidungen der US-Regierung auf internationale Geschäftsbeziehungen?

Seit dem Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump im Januar 2025 sind die internationalen Geschäftsbeziehungen von großer Unsicherheit geprägt. Wirtschaftspolitisch standen von Anfang an Zolldrohungen des US-Präsidenten im Raum, die am 2. April praktisch allen amerikanischen Handelspartnern im breiten Maßstab auferlegt wurden. Nach den massiven Verwerfungen auf den Märkten setzte die US-Administration zwar viele dieser Zusatzzölle zwischenzeitlich bis 9. Juli aus und verlängerte die Frist kurz vor Ablauf bis 1. August, um bilaterale Verhandlungen zu ermöglichen. Während es mit einigen Staaten bereits neue Rahmenabkommen gibt, laufen die Verhandlungen zwischen der EU und den USA noch. Insofern sind Unternehmen nach wie vor mit einer hohen Unsicherheit konfrontiert, wenngleich sich die Marktturbulenzen, wie wir sie im April erlebt haben, zwischenzeitlich gelegt haben. Eine protektionistische Politik dürfte allerdings auf absehbare Zeit ausgemacht sein.

BW_i: Welche Sichtweise vertreten Donald Trump und weite Teile der US-Politik sowie der Bevölkerung heute gegenüber Freihandel und Globalisierung – und warum gilt Protektionismus als politisch lohnend?

Während die USA viele Jahrzehnte lang den Freihandel als ein grundsätzlich positives Gut betrachteten, ist es bei Trump und vielen seiner politischen Verbündeten umgekehrt. Die Globalisierung wird mit Arbeitsplatz- und Investitionsverlagerungen ins Ausland und einer Importschwemme von Billigprodukten verknüpft und als Schaden für die USA und ihre Arbeiter begriffen. Bezeichnenderweise bezeichnete Trump die Zollankündigung vom April als „Tag der Befreiung“ („Liberation Day“), was recht klar zum Ausdruck bringt, dass der Präsident Zölle als etwas Positives begreift. Diese Überzeugung lässt sich in seiner Vita lange zurückverfolgen. Dass die Globalisierung den USA mehr schade als nutze, hat sich aber auch in der amerikanischen Wählerschaft zu einem breitenwirksamen Gefühl entwickelt. Kritik am Freihandel bzw. Zölle lohnen sich unter diesen Bedingungen politisch, und wir sehen das in beiden Parteien nunmehr seit Jahren.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch der Hinweis, dass der Welthandel mit Problemen behaftet und mancher Kritikpunkt der USA berechtigt ist.

BW_i: Und was ist mit China?

China ist in den letzten 25 Jahren – insbesondere seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2001 – zur wirtschaftlichen Großmacht aufgestiegen. Das Land hat sich dabei aber weder zu einer freien Marktwirtschaft entwickelt noch spielt es im Wettbewerb mit den freien Marktwirtschaften des Westens nach fairen Regeln. Die WTO ist dem als Organisation nicht gewachsen. Insofern sollten wir in Deutschland die Verwerfungen der Weltwirtschaft nicht auf den derzeitigen amerikanischen Präsidenten reduzieren, sondern das gesamte Bild im Auge behalten. China versucht mit seinem staatskapitalistischen System seit Jahren gezielt, eigene wirtschaftliche Verwundbarkeiten zu verringern, instrumentalisierbare Abhängigkeiten zu anderen Staaten aufzubauen und in strategisch wichtigen Sektoren eine Marktführerschaft zu erlangen. Auch dafür braucht Europa Antworten. Europa und die USA könnten dabei natürliche Verbündete sein, weil auf beiden Seiten des Atlantiks ähnliche Dinge beklagt werden. Doch politisch ist eine solche gemeinsame Agenda derzeit kaum umsetzbar.

BW_i: Wie schätzen Sie die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in den USA für deutsche und baden-württembergische Unternehmen ein?

Trotz aller politischer Verwerfungen stehen die USA insgesamt noch immer sehr gut da. In der Politikwissenschaft bemisst man die Macht bzw. das Machtpotenzial von Staaten zum Beispiel an Faktoren wie dem Territorium, der Bevölkerungsentwicklung, der Ressourcenverfügbarkeit, der wirtschaftlichen Kraft und Vitalität und den militärischen Fähigkeiten. In all diesen Kategorien schneiden die USA im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut ab: Sie genießen eine bevorzugte geographische Lage, haben eine gesunde Demographie, viele natürliche Ressourcen, eine hochinnovative Wirtschaft und das stärkste Militär der Welt. Gerade in Zukunftsbereichen, ob im Tech-Sektor, bei Künstlicher Intelligenz oder der Weltraumindustrie, sind die USA führend. Andere Staaten oder Staatenverbünde – konkret etwa die Europäische Union – sind dagegen mit Krieg vor der eigenen Haustür, Überalterung, einer schwächelnden Wirtschaft, viel zu viel Bürokratie und Regulierung sowie vielfältigen Abhängigkeiten konfrontiert. Freilich braucht es für rosige Zukunftsaussichten auch innenpolitische Stabilität und kluge Politik. Insbesondere die politische Spaltung der USA, die Staatsverschuldung und die derzeit fehlende Kraft, dem entgegenzusteuern, macht mir Sorgen. Aber ich bin dennoch optimistisch, weil Demokratien relativ resilient sind im Umgang mit politischen Verwerfungen. Das ist gewissermaßen ins System eingepreist, in der amerikanischen Demokratie ganz besonders. Insofern leiden wir in Deutschland nach meiner Einschätzung unter einem irreführenden Tunnelblick, weil alles auf Donald Trump reduziert wird und leichtfertig Katastrophenszenarien beschworen werden.

BW_i: Wie verändert sich derzeit die Rolle der USA als Zielland für Expansionen?

Donald Trump will mit seiner Zollpolitik Industriearbeitsplätze zurück in die USA holen und „Amerika wieder groß machen“. Derzeit sehen wir aber, dass er mit seiner Politik und der daraus resultierenden Unsicherheit Investitionen deutscher Unternehmen abschreckt. Die bislang vorliegenden Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2025 zeigen, dass deutsche Direktinvestitionen in den USA massiv eingebrochen sind. Nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft lag der Wert in den Monaten Februar und März von 2010 bis 2024 im Schnitt bei etwa 4,6 Milliarden Euro, im Jahr 2024 gar bei 8,7 Milliarden Euro. Im Februar und März 2025 waren es nur noch 265 Millionen Euro. Zur sich verdüsternden Stimmung tragen sicher nicht nur wirtschaftliche Unsicherheiten bei, sondern auch die weiteren Verwerfungen in den transatlantischen Beziehungen.

Politisch ist Schadensbegrenzung geboten, weil sich Europa ohne die USA weltpolitisch derzeit kaum behaupten könnte. Und auch wirtschaftlich steht viel auf dem Spiel. Die transatlantische Wirtschaft ist der global verflochtenste Raum der Welt, was sich am Gesamtkomplex von Güterhandel, Dienstleistungen, Direktinvestitionen, damit verknüpften Arbeitsplätzen und mehr zeigt, wie der jährlich vorgelegte Bericht zum Thema von Daniel S. Hamilton und Joseph P. Quinlan verdeutlicht. Gerade die wechselseitigen ausländischen Direktinvestitionen seien das „Rückgrat“ der europäisch-amerikanischen Wirtschaft. Insofern liegt eine Erneuerung der transatlantischen Partnerschaft im beiderseitigen Interesse.

BW_i: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Zölle von Donald Trump bereiten der deutschen Wirtschaft Sorgen – vor allem der Automobilindustrie. Laut einer aktuellen Auswertung des Ifo-Instituts leiden Baden-Württemberg, Niedersachsen und das Saarland am meisten unter den Zöllen. Diese Woche wird sich zeigen, ob es der EU gelingt, im Zollstreit mit den USA eine Einigung zu erzielen und damit drohende Strafzölle abzuwenden. Voraussichtlich zum 1. August 2025 würden die neuen Zölle dann in Kraft treten.

Ihr habt Fragen rund um euren Markteinstieg in die Vereinigten Staaten? Dann steht euch die Wirtschaftsrepräsentanz des Landes Baden-Württemberg in den USA gerne zur Seite. Darüber hinaus helfen euch unsere Experten Cornelia Frank, Leiterin der Abteilung Internationalisierung bei BW_i, und Manuel Mielke, Manager für die Märkte Großbritannien und USA, bei Fragen gerne weiter.

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Typ
Update
Autor
Datum
11.07.2025

Cornelia Frank

Leiterin der Abteilung Internationalisierung & Ansiedlung

Manuel Mielke

Internationalisierung