„Das wird Indiens Jahrhundert“, ist Sadeev Sandhu, Wirtschaftsrepräsentant des Landes Baden-Württemberg in Indien (Delhi), überzeugt. Das südasiatische Land hat nicht nur China als bevölkerungsreichsten Staat mit 1,4 Milliarden Einwohnern abgelöst, sondern ist auch die aktuell am schnellsten wachsende Volkswirtschaft weltweit. 2024 erreichte der Handel zwischen Indien und Deutschland mit 33,4 Milliarden Dollar einen neuen Rekord – mit Maschinengütern als wichtigstem Exportgut von Deutschland nach Indien. Baden-württembergische Global Player wie Mercedes-Benz, Bosch oder Carl Zeiss haben das Potenzial Indiens sehr früh erkannt und sind dort mit eigenen Forschungs- und Entwicklungszentren sowie Produktionsstätten vertreten. Indien befindet sich somit auf der Überholspur, und für kleine und mittlere Unternehmen aus dem deutschen Südwesten lohnt sich ein Markteinstieg.
Faktoren für den wirtschaftlichen Aufschwung
Für das wirtschaftliche Wachstum gibt es verschiedene Haupttreiber. Eine große Rolle spielen demografische Faktoren. Indiens Bevölkerung ist mit durchschnittlich 28 Jahren sehr jung. Bis zum Jahr 2040 sollen mehr als 100 Millionen Menschen dem indischen Arbeitsmarkt beitreten. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter in China liegt bei rund 39 Jahren, und die Volksrepublik soll im selben Zeitraum so viele Arbeitskräfte verlieren. Indiens Fachkräfte sind hochqualifiziert, und laut Sandhu interessieren sie sich vor allem für Jobs, in denen sie etwas bewegen können. Attraktiv sind insbesondere Stellen, in denen innovatives Denken gefördert wird. Das führt landesweit zu einer hohen Produktivität und fördert Entrepreneurship. Einen positiven Einfluss hat diese Entwicklung auch auf das Konsumverhalten, da Inderinnen und Inder in solchen anspruchsvollen Positionen mehr verdienen.
Indiens Start-up-Szene ist eine weitere treibende Wachstumskraft. Bangalore und Hyderabad haben sich zu boomenden Hubs für Neugründungen entwickelt, die bereits 117 Unicorns mit einem Wert von 354 Milliarden Dollar hervorbrachten. Diese zeichnet ein starkes Netzwerk aus, zu dem Alumni führender indischer Hochschulen wie dem Indian Institute of Technology und frühere Mitarbeitende bekannter Firmen gehören. Gründungen in den Bereichen Enterprise Tech, FinTech, Onlinehandel und Verbraucherdienstleistungen stechen besonders heraus. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung von AgriTech-Start-ups. In den letzten fünf Jahren haben mehr als 2000 junge Firmen aus der Branche Finanzierungen im Wert von drei Milliarden Dollar erhalten. Digitalisierte Lösungen sind in Indiens Landwirtschaft gefragt, da fast die Hälfte der Bevölkerung in dem Sektor tätig ist und das Land über hohe Vorkommen natürlicher Ressourcen verfügt. Indien gehört zu den Top-Vier-Ländern im Bereich Lebensmittelherstellung und ist der weltweit größte Produzent von Milch, Hülsenfrüchten und Gewürzen.
Auch auf staatlicher Ebene wird das wirtschaftliche Wachstum gefördert. Nicht nur durch hohe Investitionen in die Infrastruktur, sondern auch Reformen. Im Februar 2025 verkündete die Regierung die Einrichtung einer Deregulierungskommission – mit dem Ziel, den staatlichen Einfluss auf den Markt zu verringern und die Wirtschaft weiter zu öffnen. Im Rahmen dieser Reformen sollen z.B. Bereiche wie das Bankwesen für Privatisierungen und ausländische Direktinvestitionen freigegeben, die Bürokratie verringert und ein Investitionsfreundlicheres Klima geschaffen werden.
Chancen für die baden-württembergische Wirtschaft
Mittlerweile versuchen sich Unternehmen im Rahmen der China-Plus-Eins-Strategie unabhängiger vom chinesischen Markt zu machen und breiter in Asien aufzustellen, wodurch Länder wie Indien in den Fokus rücken. Vorteilhaft an Indien ist, dass das Land in den letzten Jahren globale resiliente Lieferketten aufgebaut hat, die internationalen Partnern Stabilität versprechen. Aktuell verhandeln die EU und Indien auch über ein Freihandelsabkommen, was neue Möglichkeiten eröffnet. Indien versucht bereits durch verschiedene Anreize ausländische Investoren aktiv anzuziehen. Für baden-württembergische Unternehmen sind vor allem zwei Programme interessant:
Make in India: Das Make-in-India-Programm bietet gezielt für ausländische kleine und mittlere Unternehmen Unterstützungsmöglichkeiten bei einem Markteintritt in Indien an. Diese profitieren von vereinfachten Investitionsprozessen und Regularien sowie beschleunigten Genehmigungen für neue Projekte. Seit der Einführung des Programms im Jahr 2015 wurden bereits mehr als 220 mittelständische Unternehmen aus Deutschland mit 2,14 Milliarden Euro unterstützt.
PLI Schemes: Zur Förderung der Produktion in Indien wurde 2020 das sogenannte Production Linked Incentive (PLI) Scheme eingeführt. Das Programm bietet internationalen Investoren finanzielle Vorteile, wenn sie große Produktionsanlagen im Land errichten.
Diese beiden Programme fokussieren sich auf verschiedene Sektoren, die eine Schlüsselrolle in Indiens Wachstumsstrategie einnehmen. Dazu gehören u.a. Automobil, Chemie, Elektronik, Erneuerbare Energien (mit der größten Kapazität im Bereich Solarenergie), grüne Technologien, Textilien, die Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Sandhu sieht darüber hinaus auch in der industriellen Automation gute Geschäftschancen für südwestdeutsche Firmen, da in Indien zunehmend Smart-Factory-Lösungen gesucht werden. Im Dienstleistungssektor werden z.B. die Bereiche Informationstechnologie, Finanzen, Umweltingenieurwesen und Telekommunikation unterstützt. Insbesondere in der IT hat sich Indien aufgrund der hohen Anzahl qualifizierter Arbeitskräfte und Kosteneffizienz weltweit einen Namen als gefragter Outsourcing-Standort gemacht.