Innovative Wasserstoffprojekte
Die besuchten Projekte haben unterschiedliche Schwerpunkte. So verfolgt das Daures Green Hydrogen Village einen ganzheitlichen Ansatz: Inmitten der Wüste entsteht hier das erste „Netto-Null-Dorf“ Afrikas. Ziel ist die Produktion von grünem Ammoniak auf Basis erneuerbarer Energien, um lokal Düngemittel zu erzeugen und so die regionale Gemüseproduktion zu ermöglichen. Langfristig ist auch der Export des Ammoniaks vorgesehen.
Cleanergy Solutions Namibia, ein Joint Venture unter maßgeblicher Beteiligung des belgischen Unternehmens CMB.TECH, entwickelt ein Großprojekt in Walvis Bay. In einer ersten Phase wird Wasserstoff erzeugt und regional, z.B. im Verkehr, genutzt. In einer zweiten Ausbaustufe soll daraus grüner Ammoniak produziert werden, der als Schiffstreibstoff im Hafen von Walvis Bay dienen soll. Eine Besonderheit: Die Projekte setzen auch auf Meerwasserentsalzung und bauen auf ein Solarfeld im Megawattbereich sowie eine 350-bar-H2-Tankstelle.
Ein besonders zukunftsweisendes und vielversprechendes Vorhaben ist das Oshivela-Projekt des deutsch-namibischen Unternehmens HyIron. Die Firma betreibt eine der weltweit ersten Anlagen, die Eisenerz mithilfe von grünem Wasserstoff zu reinem Eisen verarbeitet. Das Projekt gilt als innovatives Beispiel für die notwendige Dekarbonisierung der Industrie.
Das größte und ehrgeizigste grüne Wasserstoff-Vorhaben in Namibia und ganz Afrika ist das Hyphen-Projekt. In der Nähe der Hafenstadt Lüderitz entsteht ein Großprojekt, das ab 2028 mithilfe von Solar- und Windenergie Wasserstoff aus entsalztem Meerwasser erzeugen soll. Dieser wird in Ammoniak umgewandelt, um ihn leichter exportieren zu können – unter anderem nach Europa und Japan. Hyphen will jährlich 350.000 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren, was rund einer Million Tonnen Ammoniak entspricht. Damit könnten fünf bis sechs Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden. Das Hyphen-Konsortium gehört dem deutschen Unternehmen Enertrag, der britischen Nicholas Holdings sowie dem namibischen Staat, der 24 Prozent an Hyphen hält.
Chancen für Unternehmen aus Baden-Württemberg
Die Geschäftspotenziale für Unternehmen aus Baden-Württemberg im aufstrebenden Wasserstoffsektor Namibias sind vielfältig. Während Namibia durch ambitionierte Visionen überzeugt, fehlen vor Ort häufig erfahrene Partnerunternehmen, die komplexe technische und logistische Anforderungen umsetzen können. Baden-Württemberg verfügt über zahlreiche Unternehmen mit dieser Expertise, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, in der Energiesystemtechnik sowie im Bereich Bildung.
Gerade das Thema Aus- und Weiterbildung ist entscheidend für den langfristigen Erfolg der Wasserstoffwirtschaft in Namibia. Die Projekte vor Ort sollen viele Arbeitsplätze schaffen, vor allem für junge Namibierinnen und Namibier, von denen derzeit ein großer Teil keine Beschäftigung hat. Die Arbeitslosenquote in Namibia liegt laut aktuellen Schätzungen bei rund 37 Prozent. Allein das Hyphen-Projekt soll während der Bauphase etwa 15.000 Arbeitsplätze schaffen, ein Großteil davon für die lokale Bevölkerung. Die Qualifikation dieser Arbeitskräfte spielt daher eine zentrale Rolle und bietet konkrete Chancen für baden-württembergische Unternehmen im Aus- und Weiterbildungsbereich.
Auch darüber hinaus ist Namibia ein attraktiver Standort für deutsche Unternehmen. Das Land zeichnet sich durch politische Stabilität, eine gefestigte parlamentarische Demokratie, eine unabhängige Justiz sowie eine vergleichsweise gute Position bei Pressefreiheit und Korruptionswahrnehmung im afrikanischen Vergleich aus. Der Global African Hydrogen Summit hat zudem gezeigt, dass es viele talentierte und engagierte junge Fachkräfte in Namibia gibt, die die grüne Energiewende aktiv mitgestalten wollen.
Ein weiterer Standortvorteil ist der Tiefseehafen von Walvis Bay, der als potenzielles Exportterminal für Wasserstoffderivate eine wichtige Rolle spielt. Der Hafen ist bereits heute in der Lage, internationale Schifffahrtsrouten zu bedienen – was ihn zu einem strategischen Logistikstandort macht, auch im Hinblick auf europäische Lieferketten. In Verbindung mit den hervorragenden natürlichen Bedingungen für erneuerbare Energien ist Namibia somit ein äußerst attraktiver Partner für die globale Wasserstoffwirtschaft.
Fazit
Namibia hat das Potenzial, ein bedeutender Akteur auf dem globalen Markt für grünen Wasserstoff zu werden. Die Projekte im Land sind ambitioniert, technologisch innovativ und sozioökonomisch hochrelevant. Die baden-württembergische Wirtschaft kann dabei eine zentrale Rolle als Partner in der Umsetzung spielen – nicht nur beim Export und der Abnahme von Wasserstoff, sondern auch bei der Realisierung vor Ort. Für hiesige Unternehmen ergeben sich konkrete Geschäftschancen, insbesondere in den Bereichen (Energie-)Technologie, Maschinen- und Anlagenbau, Infrastruktur sowie in der Aus- und Weiterbildung lokaler Fachkräfte, die für den langfristigen Erfolg der Wasserstoffprojekte in Namibia unerlässlich ist.
Exkurs: Besuch des Unabhängigkeitsmuseums in Windhoek
Zum Abschluss der Delegationsreise bot sich den Teilnehmenden die Gelegenheit, das Unabhängigkeitsmuseum in Windhoek zu besuchen. Dies war ein Besuch, der tiefen Eindruck hinterließ. Besonders eindringlich wirkten die Ausstellungsstücke sowie die fachkundigen Ausführungen der namibischen Historikerin, die die Delegation durch die Realität der deutschen Kolonialherrschaft (1884 bis 1915) in Namibia führte.
Ein zentraler Punkt der Ausstellung ist der Völkermord an den Volksgruppen der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908, bei dem nach Schätzungen bis zu 60.000 Herero und etwa 10.000 Nama systematisch getötet wurden. Diese dunkle Episode der deutschen Geschichte wird in dem Museum eindrucksvoll und ungeschönt dargestellt. Der Besuch war zugleich eine eindrückliche Mahnung an historische Verantwortung und an die bis heute unzureichende Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit in Deutschland – sei es im öffentlichen Diskurs, in der schulischen Bildung oder in den Medien.
Echte Partnerschaften auf Augenhöhe setzen auch die Bereitschaft voraus, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Der Besuch des Museums unterstrich, wie zentral diese historische Reflexion für ein gegenseitiges Verständnis und einen respektvollen Dialog ist.