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Chinas humanoide Robotik auf der Überholspur – und was das für die baden-württembergische Wirtschaft bedeutet

Henning Vogelsang, Geschäftsführer des BW_i-Büros in Nanjing und Wirtschaftsrepräsentant des Landes Baden-Württemberg in China, teilt in seinem Gastbeitrag Einblicke in Chinas innovativen Robotik-Sektor und verrät, wie südwestdeutschen Unternehmen der Markteinstieg vor Ort gelingt.

China sorgte in den vergangenen Monaten vermehrt für futuristische Schlagzeilen: So fand im April 2026 zum zweiten Mal ein Halbmarathon für humanoide Roboter in Peking statt, und auf der traditionellen Neujahrsgala im chinesischen Staatsfernsehen im Februar kämpften Roboter beim Kung Fu gegen junge Chinesen und führten akrobatische Kunststücke auf. Wie innovativ die KI- und Robotik-Landschaft in China inzwischen ist, darüber konnten sich baden-württembergische Unternehmen im Sommer 2025 auf einer von BW_i organisierten Delegationsreise unter der Leitung von Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut informieren. Die rund 60 Teilnehmenden aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kehrten mit einer klaren Erkenntnis zurück: China hat sich in diesem Bereich in kürzester Zeit von einem Nachahmer zu einem eigenständigen Innovationsträger entwickelt – mit Entwicklungszyklen und Industrialisierungsgeschwindigkeiten, die in Europa ihresgleichen suchen. Aufbauend auf diesen Erfahrungen organisiert Baden-Württemberg International (BW_i) vom 06. bis 10. Juli 2026 erneut eine  Delegationsreise nach China, bei der dieses Mal Embodied AI im Mittelpunkt steht – verkörperte Intelligenz, die es Systemen ermöglicht, physisch in ihrer Umgebung zu agieren, zu lernen und Aufgaben eigenständig auszuführen. Der thematische Schwerpunkt liegt auf der humanoiden Robotik.

 

Ein Technologiefeld im Aufbau – mit offenem Ausgang

Humanoide Roboter befinden sich weltweit in einer frühen Industrialisierungsphase. In China werden sie bereits in Produktionslinien, Logistikzentren und Servicebereichen erprobt – doch die ehrliche Einschätzung lautet: Kein System ersetzt heute einen Menschen vollständig. Qualitätsprobleme sind verbreitet, Komponenten verschleißen schneller als erwartet, und viele grundlegende technische Fragen sind noch ungelöst. DroidUp-Gründer Li Qingdu brachte es auf einer Branchenkonferenz in Shanghai auf den Punkt: „Alle sind noch am Startpunkt. Verglichen mit wirklich großen, allzweckfähigen Robotikplattformen haben sowohl chinesische als auch internationale Unternehmen noch einen langen Weg vor sich."

Das ändert nichts an der Dynamik des Feldes. Laut dem chinesischen Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) gab es 2025 allein in China über 140 Hersteller humanoider Roboter. Die Branche zieht massiv Investitionskapital an: 2025 flossen über 40 Milliarden RMB (4,980 Milliarden Euro) in den Sektor, sechs neue Unicorns entstanden. In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 näherte sich das Finanzierungsvolumen bereits wieder 30 Milliarden RMB (3,735 Milliarden Euro). Gleichzeitig sind die Kosten für Kernkomponenten deutlich gesunken: Gelenkmotoren, die einmal 50.000 bis 60.000 RMB (6.255 bis 7.470 Euro) kosteten, sind heute für 500 bis 600 RMB (62,25 bis 74,70 Euro) erhältlich.

Die lokale Fertigungstiefe bei Schlüsselkomponenten liegt in China mittlerweile bei über 75 Prozent – bei harmonischen Getrieben sogar über 90 Prozent. Dass Embodied AI im chinesischen Regierungsarbeitsbericht und im neuen 15. Fünfjahresplan explizit als strategische Schlüsseltechnologie aufgeführt wird, zeigt, wie ernst das Thema politisch genommen wird.

Mittelfristig wird Embodied AI zu einer bedeutenden Volumenindustrie werden – mit erheblichen Auswirkungen auf Produktion, Logistik und Dienstleistungen. Wer jetzt versteht, wie sich diese Industrie aufbaut, welche Komponenten gefragt sind und wo die technologischen Lücken liegen, kann seine Rolle noch definieren. Wer jedoch wartet, bis der Markt reif ist, findet womöglich bereits besetzte Positionen vor.

 

Wie sich südwestdeutsche Unternehmen erfolgreich im chinesischen Robotik-Markt platzieren können

Baden-Württemberg ist das Kernland des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus, der Antriebstechnik und der Automatisierung. Genau diese industrielle Basis ist der Grund, warum Chinas rasante Entwicklung in der humanoiden Robotik nicht an uns vorbeigehen sollte – denn sie bietet Chancen in beide Richtungen.

Als Zulieferer von Hochleistungskomponenten gibt es in der globalen Robotiklieferkette noch erhebliche technologische Lücken: bei hochpräzisen Aktoren, bei Sensortechnik, bei Steuerungssystemen. Baden-württembergische Firmen verfügen über Fertigungskompetenzen und Qualitätsstandards, die in diesen Segmenten gefragt sind. Gleichzeitig zeigt die Beobachtung des chinesischen Markts, dass sich diese Lücken mit zunehmender Reife der lokalen Industrie schließen werden – das Zeitfenster für offene Positionen in der Lieferkette ist also begrenzt.

Als Systementwickler oder Integrator bietet die Technologieplattform der humanoiden Robotik Anknüpfungspunkte für Unternehmen, die eigene Lösungen entwickeln wollen – sei es für industrielle Automatisierung, für Serviceanwendungen oder für spezialisierte Einsatzfelder, in denen tiefes Branchen-Know-how ein entscheidender Vorteil ist.

Drei Stationen - vielseitige Einblicke in Chinas innovatives Robotik-Ökosystem

Die Delegationsreise führt durch die Kernregion des Yangtze-Deltas - mit Stationen in den Tech-Hochburgen Hangzhou, Suzhou und Shanghai. Das Programm umfasst Besuche bei mehr als zehn Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Zu diesen gehören z.B.:

  • Seenpin aus Hangzhou: Das 1999 gegründete Unternehmen startete als Präzisionshersteller für Uhrenteile und stieg 2008 in die Entwicklung von Planetenrollengewindetrieben ein – hochpräzise Antriebskomponenten, die für Linearaktuatoren in Robotergelenken unverzichtbar sind. Diese Gewindetriebe bieten die dreifache Tragfähigkeit und die mehrfache Lebensdauer herkömmlicher Kugelgewindetriebe – ein entscheidender Vorteil für hochbelastete Roboter‑Gelenke. Seenpin steht damit stellvertretend für einen Transformationsweg, der für viele Unternehmen aus dem Südwesten nachvollziehbar sein dürfte: Ein spezialisierter Komponentenhersteller entdeckt die humanoide Robotik als Zukunftsmarkt und richtet seine Entwicklung konsequent darauf aus. Die Bauteile des Unternehmens sind inzwischen bei mehreren globalen Herstellern humanoider Roboter im Einsatz. Diesen Weg könnten auch Unternehmen aus Baden-Württemberg gehen – mit der industriellen Kompetenz, die hier bereits vorhanden ist.
  • Leaderdrive aus Suzhou: Das 2011 gegründete und seit 2020 am STAR-Markt notierte Unternehmen ist heute Chinas führender Anbieter von Harmonic-Drive-Getrieben – jenen Wellgetrieben, die in Robotergelenken präzise Bewegungsübertragungen bei kompakter Bauform ermöglichen. Die patentierte „P-Zahn“-Struktur erhöht das Drehmoment um 30 Prozent, die dreifache Oberschwingungstechnologie verbessert die Systemsteifigkeit – entscheidend für hochdynamische Roboteranwendungen. Lange dominierten japanische Hersteller diesen Markt nahezu vollständig. Laut unabhängigen Analysen hielt Leaderdrive 2023 rund 15 Prozent des globalen Marktanteils und über 26 Prozent des chinesischen Inlandsmarkts. Das Unternehmen entwickelt sich dabei vom reinen Getriebehersteller hin zu einem Anbieter mechatronischer Komplettlösungen – und liefert damit ein anschauliches Beispiel dafür, wie Komponentenanbieter ihre Wertschöpfungstiefe in einer entstehenden Industrie schrittweise ausbauen.
  • Agibot aus Shanghai: Das 2023 von ehemaligen Huawei-Ingenieuren gegründete Unternehmen steht exemplarisch für die Industrialisierungsgeschwindigkeit des Feldes. Im März 2026 rollte bei Agibot der zehntausendste humanoide Roboter vom Band – der Sprung von 5.000 auf 10.000 Einheiten dauerte lediglich drei Monate. Laut Branchenanalysten war Agibot 2025 weltweit der führende Hersteller bei den Auslieferungen humanoider Roboter. Die Systeme sind in Logistik, Einzelhandel und Servicebereichen im Einsatz – und über Open-Source-Betriebssysteme und offene Datensätze sucht Agibot aktiv Kooperationen mit internationalen Partnern.
  • DroidUp aus Shanghai: Während viele Hersteller auf maximale Produktionszahlen setzen, geht DroidUp einen bewusst anderen Weg. Das ebenfalls in Shanghai ansässige Unternehmen entwickelt humanoide Roboter auf Basis biomimetischer Sehnenantriebe – einer Technologie, die dem menschlichen Bewegungsapparat näher kommt als konventionelle Antriebssysteme und dabei rund 50 Prozent weniger Energie verbraucht als vergleichbare Systeme. Beim Halbmarathon für humanoide Roboter in Peking belegte das Modell Walker 2 den dritten Platz – als eines der wenigen Systeme, das den Kurs ohne Batteriewechsel absolvierte. Anfang 2026 präsentierte DroidUp mit Moya den ersten vollständig biomimetischen Roboter mit menschenähnlicher Mimik und Körpertemperatur, der für Einsatzfelder in Pflege, Gesundheit und Bildung konzipiert ist. 

Was baden-württembergische Teilnehmende auf der Delegationsreise erwartet

BW_i organisiert diese Delegationseise als strukturiertes Informations- und Austauschformat für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die fundierte Einblicke in ein Technologiefeld gewinnen wollen, das sich gerade in einer entscheidenden Aufbauphase befindet. Werksbesichtigungen, Produktvorführungen und direkte Gespräche mit technischen Teams und Unternehmensleitungen ermöglichen Einschätzungen, die aus der Ferne schwer zu gewinnen sind.

Die Reise richtet sich an Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus Baden-Württemberg, die in den Bereichen Maschinenbau, Automatisierung, Antriebstechnik, Elektronik, Sensorik oder angrenzenden Feldern tätig sind. Jetzt ist der Zeitpunkt, die eigene Rolle in dieser entstehenden Industrie zu finden – als Zulieferer, als Systementwickler oder als informierter Beobachter einer Entwicklung, die den Maschinenbau grundlegend verändern wird. Nutzen Sie die Chance, um selbst vorne im Zukunftsfeld der humanoiden Robotik mitzuspielen.

Weitere Informationen zu Baden-Württembergs Wirtschaftsrepräsentanz in China finden Sie hier.

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Typ
News
Autor
Datum
21.04.2026

Henning Vogelsang

Geschäftsführer BW_i-Büro Nanjing, China

Dr. Hai Sun

Internationalisierung